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Lessings Ringparabel im 21. Jahrhundert oder Wahrheit und Wahrscheinlichkeit

Veröffentlicht am 12.11.2017

Ein Aufruf zur Wahrheit

 

Lessings Ringparabel im 21. Jahrhundert oder Wahrheit und Wahrscheinlichkeit

Ein Aufruf zur Wahrheit

  

Die Berechenbarkeit der Welt ist eine Grundannahme des momentan vorherrschenden wissenschaftlich-technischen Weltbildes. Die moderne Physik kann das materielle Dasein erklären, die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften können des Menschlichen und Zwischenmenschlichen Gesetze erkennen und über den Rest bringt die Neurowissenschaft sichere Erkenntnisse. Für einen Großteil unserer Zeitgenossen gehört unverbrüchliche und erkennbare Wahrheit, die in der Wissenschaft ihren festen Ort hat, zum aufgeklärten und modernen, das heißt (natur)wissenschaftlichen, Weltbild.

Wo jedoch diese Welt am genauesten unter die Lupe genommen wird und ihre kleinsten Bestandteile untersucht werden, erfährt dieses Vertrauen in die Erkenntnisse der Physik eine Irritation. Im Reich der Quantenphysik, also auf der Ebene der Atome und darunter, scheinen die Gesetze der klassischen Physik nicht zu gelten. Bei der Beobachtung dieser kleinsten Bestandteile unserer materiellen Welt beobachtet die Wissenschaft schier Verrücktes. Teilchen scheinen mehrere mögliche Wege zugleich zurückzulegen, um am Ende nur vielleicht an einem bestimmten Ort zu sein. Schärft man die Messung solcher Teilchen hinsichtlich eines Aspekts, so verschwimmt ein anderer, und überhaupt verhalten sich die Teilchen unter Beobachtung ganz anders als sonst.

In diesem Bereich von absoluter Wahrheit oder auch nur der Sicherheit einer Erkenntnis zu sprechen wäre nicht einfach falsch, es ginge völlig am Wesen dieser Forschung vorbei. Es gälte hier, einen ganz anderen Begriff von Wahrheit zu entwickeln. Hier stellt man Möglichkeiten fest, man berechnet Wahrscheinlichkeiten und Erkenntnis gibt es vor allem über die Relation einzelner Daten zueinander.

In gröbsten Zügen und vereinfachend dargestellt ist das in der klassischen Physik nur deshalb anders, weil die Menge an Teilchen bei größeren Körpern ihre Wahrscheinlichkeiten hinsichtlich der gemessenen Daten summieren. Anschaulicher wird das mit folgendem Beispiel. Ein einzelnes subatomares Teilchen meines Daumens wäre bei Messungen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit gerade über der Leertaste meiner Tastatur zu lokalisieren. Eine gewisse Restwahrscheinlichkeit bleibt aber immer, dass es sich an einem anderen Ort befindet, mit einer gewissen kleinen Wahrscheinlichkeit im Nebenzimmer, mit einer noch kleineren Wahrscheinlichkeit aber auch auf dem Mars. Jeder mögliche Ort im Universum ist mit einer, wenn auch verschwindend kleinen, Wahrscheinlichkeit anzunehmen, weil alle experimentellen Messungen eben den Aufenthaltsort auch nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit angeben, die nie bei hundert Prozent liegt. Dazu kommt nun die Unschärferelation, je genauer die Geschwindigkeit des Teilchens gemessen wird, desto weniger genau kann der Aufenthaltsort bestimmt werden. Ein genauerer Blick auf die Geschwindigkeit des Teilchens macht es also merkwürdigerweise wahrscheinlicher, dass es gar nicht da ist, wo es vermutet wird. Vielleicht ist das Teilchen meines Daumens also doch im Nebenzimmer, je nachdem, unter welchem Aspekt ich es betrachte. Nun besteht mein Daumen aber aus unzählig vielen Teilchen und jedes einzelne davon ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit über der Tastatur. Diese Wahrscheinlichkeiten rechnen sich also auf, sodass die Wahrscheinlichkeit, dass der ganze Daumen, also mit  allen Teilchen gleichzeitig, woanders ist, am Ende so gering ist, dass sie für alle Berechnungen völlig außer Acht gelassen werden kann. Wenn diese Möglichkeit auch noch so marginal ist, mathematisch bleibt sie vorhanden. Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass auch bei größeren Körpern, da sich diese ja alle aus vielen kleinen Teilchen zusammensetzen, alle Aussagen nur mit einer hohen Wahrscheinlichkeit getroffen werden können. Auch hier lässt die Beobachtung einzelner Aspekte die Erkennbarkeit anderer verschwimmen. Kurz, auch die exaktesten Ergebnisse klassischer experimenteller Physik sind nur relational verlässlich, auch hier prägen die Experimente ihrerseits das Ergebnis schon vor. Es sei hier gar nicht erst auf die Abhängigkeit der Erklärungen, die die Ergebnisse solcher Experimente liefern, von der jeweiligen Theorie eingegangen (dieselben gemessenen Werte können im Lichte verschiedener Theorien dasselbe Ereignis ja ganz unterschiedlich erklären).

Hinter der experimentellen Physik, die das Leitbild für Wissenschaftlichkeit abgibt und damit für den Großteil der westlichen Zivilisation das Leitbild für Wahrheit, steht eine noch unantastbarere Macht, die Mathematik. In der Mathematik nun gibt es zweifelsohne Wahrheit – mathematische Gesetze und Regelmäßigkeiten, die in der Welt der idealen Anschauung auf unhintergehbare Axiome zurückführbar sind. Aber eben hier liegt das Problem, wenn wir von dieser Idealwelt aus versuchen, auf die Wirklichkeit zu blicken. Nicht nur in der Physik, sondern genauso etwa den Wirtschafts- oder Sozialwissenschaften gerät jede exakte Mathematik zur Wahrscheinlichkeit, sobald sie auf die Wirklichkeit appliziert wird. Alle Modelle, alle Statistiken und alle berechneten Tendenzen zeigen die Welt eben nur, wie sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ist oder sein wird. Unverbrüchlich sind alle sozialen oder wirtschaftlichen Modelle und Theorien nur, solange sie ein abgeschlossenes System bilden. Ganz gleich wieviel mathematische Gewissheit in ihnen steckt, die Wirklichkeit können sie nur ungefähr abbilden, ja, je mathematisch genauer sie sind, desto anfälliger scheinen sie für Deckungsungleichheiten mit der Wirklichkeit zu sein.

Hierfür ist das Bewusstsein schon größer als in der Physik, vielleicht weil jede noch so ausgeklügelte Wirtschaftsprognose gegenüber den unberechenbaren Zufällen des Lebens schon als ungenau erfahren wurde.

Weit weniger Problembewusstsein gibt es beim dritten Grundpfeiler des momentanen wissenschaftlichen Weltbildes. Neben dem Experiment und der Mathematik bürgt gegenüber unserer aufgeklärten Gesellschaft die Logik für Wissenschaftlichkeit, heißt Wahrheit. Ein bloßer Glaube scheint spätestens im Laufe des  19. Jahrhunderts obsolet geworden zu sein, alles Wissen hatte nun auf dem Boden schlüssiger Argumentation einen festen Stand gefunden.

Es gilt hier auf dasselbe Problem wie bei der Mathematik hinzuweisen. Die Logik ist nur so lange unverbrüchlich, wie sie ein abgeschlossenes System bildet, letztlich also solange sie regelgeleitetes Manipulieren von Zeichen ist. Wo immer die formal unangreifbare Logik auf die Wirklichkeit zugreifen will, wird sie ungenau. Zunächst einmal brechen sich sowohl Logik als auch Mathematik und Physik, wo sie verstanden werden wollen, an der natürlichen Sprache. Alle Ergebnisse von Experimenten, alle mathematischen Formeln und alle formallogischen Argumente erreichen unser Verständnis erst in natürliche Sprache übersetzt. Und die hat eben ihre Mehrdeutigkeiten, Unschärfen und Nichtfestlegbarkeiten. Dann ist aber auch da, wo Sprache künstlich auf eine Eindeutigkeit festgelegt wird, also reduziert und vergewaltigt wird, wie es in Teilen der analytischen Philosophie gang und gäbe ist, die Sprache in ihrer auf die Wirklichkeit verweisenden Funktion immer eine Setzung, die auf vielen Annahmen beruht. Anders als in der Mathematik kann auch der simpelste Aussagesatz nicht auf das eine, nicht weiter hinterfragbare Axiom heruntergebrochen werden. Jeder Satz beruht auf Prämissen, die weiter hinterfragt werden können.

Wahrheit im Sinne einer Satzwahrheit, also eines geschlossenen Systems von Annahmen und notwendigen Folgerungen bieten uns die Wissenschaft mit ihren Grundpfeilern Experiment, Mathematik und Logik auf jeden Fall. Wahrheit im Sinne einer Übereinstimmung von Aussage und Wirklichkeit muss immer zur Wahrscheinlichkeit präzisiert werden.

Auch wenn man im Rahmen eines Fortschrittglaubens an eine immer größer werdende Übereinstimmung glaubt, so bleibt jede versuchte Wahrheit immer nur eine Annäherung an die Wirklichkeit. Die Deckung mit der Wirklichkeit als ein Ziel, das als unendlich weit weg begriffen wird, verortet jeden Fortschritt also paradoxerweise als ein Treten auf der Stelle. Das Ziel bleibt immer in der selben Distanz, eben unendlich weit weg.

Das dargestellte wissenschaftliche Weltbild mit seiner Illusion von Wahrheit und meine Kritik daran vor Augen, scheint mir die heutige Welt im uralten Streit zwischen Realisten und Idealisten um keinen Schritt vorangekommen zu sein. Die einen glauben nach wie vor, die Welt sei so zu erkennen, wie sie ist, die anderen meinen, Erkenntnis sei von der Begriffsebene nicht ohne weiteres auf die Wirklichkeit zu übertragen. Heute stehen sich modernes, wissenschaftliches, technisches Weltverständnis und postmodernes, perspektivistisches und relativistisches, konstruktivistisches Weltverständnis gegenüber. „Wahr ist, was der Fall ist“ gegen „es gibt nur Interpretationen“.

Der Mensch braucht Wahrheit, um Orientierung für sein Handeln zu gewinnen. Die Postmoderne als Epoche, der vorgeworfen wird, alles der Beliebigkeit anheim zu stellen, oder das Ausrufen eines postfaktischen Zeitalters zeugt von einer momentanen Verunsicherung der Menschheit, der die Wahrheit verlustig zu gehen droht.

Was also tun? Wir können nicht zurück in den Positivismus des 19. Jahrhunderts, wie es manch hartgesottener naturwissenschaftlicher Geist vielleicht für erstrebenswert hält. Wir können aber auch die Wissenschaft und den Fortschritt der Technik nicht leugnen, indem wir alles zum sozialen Konstrukt erklären, damit Veränderung forderbar bleibt.

Warum bleiben wir also nicht bei dem was wir haben, der Wahrscheinlichkeit? Mir sei dieses müde Wortspiel gestattet, dieser Schein von Wahrheit ist das Beste, das wir haben. Wahrscheinlichkeit und Plausibilität als Kriterien für unser Urteil über die Wirklichkeit, das ist doch durchaus genug. Nun wäre es, um Orientierung zu gewährleisten, nötig, den ständigen Zweifel zu überwinden. Für Halt und Festigkeit in unseren Urteilen brauchen wir eben doch Wahrheit. Letztlich sollten wir also doch die Wahrscheinlichkeit zu unserer Wahrheit erheben. Lasst uns an den schönen Schein von Wahrheit glauben. Denn genau das ist alle Orientierung gebende Wahrheit im Grunde: Glaube! Wenn es uns gelingt an eine Wahrheit zu glauben, ohne sie absolut zu setzen, also ohne zu vergessen, dass sie doch nur Wahrscheinlichkeit ist, dann erlangen wir Toleranz und Handlungssicherheit zugleich, zwei Gaben, die für eine friedliche Zukunftsgestaltung unerlässlich sind.

Ich fordere nichts anderes, als die Illusion zu heiligen, in einem Glauben an die Wahrheit!  Oder anders ausgedrückt: Ich fordere bei einem wissenschaftlich-technischem Weltverständnis das Augenzwinkern zurück! Oder anders ausgedrückt: Natürlich ist die sichere Erkenntnis der Wirklichkeit ein einziger Quatsch, aber ich glaube trotzdem fest daran! Es ist ebendiese Einstellung die unsere aufgeklärte Gesellschaft von nicht weniger aufgeklärten Gottesgläubigen lernen kann.

Oder habe ich Nathans Weisheit falsch verstanden?

 

 

Frank W.